Ein Jahr „Pause“ – und jetzt?

 

I was walking through icy streams

that took my breath away

Manchmal liege ich Abends im Bett und mir gehen so viele Gedanken im Kopf umher, dass mir ganz schwindelig wird. Aber wenn ich ganz still daliege und einfach nur dem Regen lausche, scheint es als könnte er alles einfach fortspülen. Meine Gedanken verschwimmen, sodass ich sie nicht mehr fassen kann. Und das ist ein verdammt gutes Gefühl, denn im Moment scheinen meine Gedanken das unbändige Verlangen zu verspüren, in meinem Kopf herumzuschreien.

Eine weitere effektive Möglichkeit Gedanken zum Schweigen zu bringen, sind hartnäckige Ohrwürmer. Meiner ist im Moment „Alaska“ von Maggie Rogers. Es gibt diese Musik, die dein Herz schneller schlagen und dich alles vergessen lässt.

Learned to talk and say

whatever I wanted to

Ich habe letztes Jahr mein Abi gemacht. Am Anfang hat es sich angefühlt wie ein Rausch. Endlose Weiten, endlose Möglichkeiten und 1000 und 1 Dinge, die schief gehen können.Während der Schulzeit, gab es immer Menschen, die einem gesagt haben, was man machen sollte, oder wie man sein sollte.Und plötzlich ist die Schule vorbei und man muss zum ersten Mal im Leben darüber nachdenken, was man eigentlich vom Leben will.

Und natürlich tun alle so, als wüssten sie ganz genau, was sie wollen und wer sie sind. Alle verstreuen sich, gehen ins Ausland und beginnen ein völlig neues Leben: Ecuador, Bali, Neuseeland. Hauptsache Abenteuer und je weiter weg desto besser.

Ich bin mit meinem Freund auf einem Roadtrip gewesen und es waren die drei spannendsten, schönsten und aufregendsten Monate meines Lebens.Solange Til und ich unterwegs waren, musste ich mir keine Gedanken darüber machen, wie mein Leben weitergehen soll. Ich hab im Hier und Jetzt gelebt. Carpe Diem und so.

And I walked off you,

And I walked off an old me

Doch zurück zu Hause, wusste ich nicht wirklich etwas mit mir anzufangen. Plötzlich waren alle diese Gedanken da, die ich auf der Reise so erfolgreich verdrängt hatte und die jetzt drohen mich zu erdrücken.Meistens fängt es ganz harmlos an.Ich war dabei einen Kuchen zu backen und rührte mit einem sogenannten Rührgerät meinen Teig. Und dann dachte ich so etwas wie:

  • „Wenn ich ausziehe muss ich mir ja ein Rührgerät kaufen.“
  • „Wie teuer ist eigentlich so ein Rührgerät?“
  • „Aber wenn ich kein Rührgerät habe kann ich gar keinen Kuchen backen“

So ging das dann in Dauerschleife weiter und mir fielen in der nächsten Stunde noch zehn weitere Dinge (z.B. ein Bügeleisen) ein, die ich „unbedingt“ bräuchte, wenn ich ausziehe.

Zusammenfassen kann man meine Gedanken wohl im Moment unter dem Begriff der „Zukunftsangst“, der Angst vor dem Ungewissen. Es fühlt sich an als wäre alles in der Schwebe, ohne eine Möglichkeit etwas steuern oder stoppen zu können. Es gibt so viele Dinge, die ich Entscheiden muss.

  • „Was will ich werden?“
  • „Was will ich studieren?“
  • „Wo will ich wohnen?“

Und jede dieser Entscheidungen erschien mir so unglaublich wichtig und schwerwiegend. Also habe ich überlegt noch einmal für ein paar Monate oder vielleicht sogar ein halbes Jahr zu verreisen. Denn es gibt nichts, was einen Zukunftsängste besser verdrängen lässt, als eine aufregende Reise. Ich habe mich armselig gefühlt, als ich lieber zu Hause geblieben bin. Aber ich war auch erleichtert. Mein Verlangen nach Geborgenheit war einfach größer als mein Verlangen nach Abenteuer.

And now, breathe deep

I’m inhaling

Und zu Hause zu bleiben, war die richtige Entscheidung. Denn das war das was ich wollte. Und ich weiß jetzt, dass man nachdenken und Entscheidungen treffen muss, um Gedanken zum Schweigen zu bringen. Durch Verdrängen oder übertönen werden sie nur noch lauter. Also habe ich aufgehört wegzulaufen und angefangen zu planen. Ich habe versucht, das zu tun was ich will, ohne einen Gedanken daran zu verschwenden, was andere wollen, denken oder sagen. Mit Betonung auf „versucht“, denn natürlich mache ich mir immer noch viel zu viele Gedanken darüber, was andere denken.

Leave me be,

I’m exhaling

Erst durch den Stillstand und das durchatmen habe ich gemerkt, dass ich unbedingt vorankommen möchte. In gewisser Weise beruhigt mich meine Angst vor dem Ungewissen. Denn es bedeutet, dass ich keine leichtfertigen Entscheidungen treffe, weil mir meine Zukunft wichtig ist. Ich weiß zwar immer noch nicht genau was ich will, aber mal ganz ehrlich:Wer weiß das schon?

Bild: Maggie Rogers auf dem Konzert im Grünspan, Hamburg am 27.06.2017

Songtext: Maggie Rogers – „Alaska“ aus dem Album „Now That The Light Is Fading“

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